Russische Regierung will Behandlungen von russischen Bürgern im Ausland erschweren

Auf dem Nachrichtenportal News.ru bin ich auf einen interessanten Artikel [1] zum Thema Behandlung von russischen Patienten im Ausland gestoßen. Dort wird berichtet, dass die stellvertretende Ministerpräsidentin Russlands Olga Golodec am 1. Juni 2014 das Gesundheitsministerium bat, die Wohltätigkeitsfonds besser bei der Sammlung von Geldmitteln für die Behandlung von Patienten im Ausland zu kontrollieren. Sie erklärte, man könne „praktisch jede“ hochtechnologische Hilfe auch in Russland erhalten. Ein Monat zuvor schlug die Kommunistische Partei der Russischen Föderation vor, die Möglichkeiten der medizinischen Behandlung im Ausland für russische Beamten und ihre Familien einzuschränken. Die Liberaldemokratische Partei unterstützte die Initiative, allerdings kam dann Widerspruch seitens der Partei „Einiges Russland“. Sie fand diese Idee „sehr komisch“, da man im Ausland zum Teil bessere medizinische Dienstleistungen bekommt.

Leider liefert Frau Golodec keine aussagekräftigen und nachprüfbaren Fakten oder Zahlen zu dem heutigen Stand der Medizin in Russland. Dass es dort sicher Einrichtungen gibt, in denen Menschen sehr gut ärztlich versorgt werden, bezweifele ich keinesfalls. Allerdings ist die hohe Qualität, meiner Einschätzung nach, nicht flächendeckend verfügbar. Meine in Russland lebenden Bekannten, Verwandten und auch Patienten, die wegen Behandlungen nach Deutschland kommen, berichten über den aktuellen Stand der Medizin in den meisten russischen Städten: Vom europäischen Niveau ist der sehr weit entfernt.

Ich kann folgende Probleme nennen:

  • Medizinische Versorgung ist stark von der Region abhängig: Je kleiner der Wohnort, desto schlechter und unzureichender wird man versorgt;
  • Unzureichende technische Ausstattung (in Ischewsk beispielsweise, einer Stadt mit 700 000 Einwohnern, gibt es nur 4 MRT-Geräte) [2];
  • Lange Wartezeiten (nach Quoten geregelt, auch für krebskranke Patienten);
  • Schlecht bezahltes, überlastetes medizinisches Personal;
  • Bestimmte operative Verfahren nicht möglich (z.B. Lebendspende (außer bei Stammzellentransplantation) nur von genetisch verwandten Spendern [3]);
  • Teilweise unzureichende Verfügbarkeit von Arzneimitteln;
  • Probleme mit Notfallversorgung (langes Warten bis der Notfallwagen kommt, wenn er überhaupt kommt);
  • Teilweise schlechter Allgemeinzustand von städtischen Kliniken (1 Toilette für 3 Etagen).

Dies zwingt Menschen dazu, sich ins Ausland zu begeben und eine bessere ärztliche Hilfe zu suchen.

Ich fände, es wäre ein Schritt in die falsche Richtung, russischen Bürgern den Zugang zur ausländischen Medizin schwer zu machen oder gar zu versperren. Richtig wäre es, die Qualität der medizinischen Versorgung im Land nachhaltig zu verbessern. Langfristig wird dann auch ein durchschnittlicher russischer Bürger, der sich eine Behandlung im Ausland gar nicht leisten kann, irgendwann davon profitieren und tatsächlich eine bessere und menschenwürdigere ärztliche Hilfe im Heimatland bekommen.

Eine spannende Antwort auf den Vorschlag von Frau Golodec von einem russischen Blogger können Sie auf Russisch hier nachlesen: http://www.newsru.com/russia/03jun2014/golodets.html

(In seinem Erfahrungsbericht schildert er wie er seinen Kampf gegen Krebs auf Grund der mangelhaften medizinischen Versorgung in Russland leider in den USA fortsetzen musste).

Eine andere interessante Geschichte (auf Russisch) über schreckliche Krankenhausbedingungen in der Stadt Woronesch und den dortigen Stand der Medizin können Sie hier finden: http://med-express.blogspot.ru/search/label/%D0%A1%D0%BA%D0%B0%D0%BD%D0%B4%D0%B0%D0%BB%D1%8B

Quellen:

[1] Nachrichtenportal News.ru: http://www.newsru.com/russia/01jun2014/golodets.html

[2] Informationsportal zur MRT: http://mrt-rus.info/adresa/izhevsk

[3] Gesetz über die Organ- bzw. Gewebetransplantation in der Russischen Föderation (Abschnitt III, Art. 11): http://base.garant.ru/136366/#block_200

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